Der Bürgermeister und seine Mauer
Er hatte es Zeit seines Lebens nicht leicht.
Der Bürgermeister des kleinen japanischen Küstenortes Fudai hatte in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts beschlossen, eine Schutzmauer zur Tsunamiabwehr zu errichten.
Das ist an sich nichts Besonderes in dieser Region, aber dieser Bürgermeister wollte, dass die Mauer höher gebaut würde als üblich.
Kotaku Wamura war in den 30er Jahren Zeuge eines verheerenden Tsunamis geworden, der in seinem Dorf hunderten Menschen das Leben gekostet hatte.
Er schwor sich angesichts der vielen Toten, dass so etwas nie mehr wieder passieren sollte. Als er nun den Bau einer Mauer veranlasste, die mit sechzehn Metern weit höher war als die der anderen Dörfer, musste er gegen viele
Widerstände kämpfen. Das sei Geldverschwendung, die Mauer sei hässlich und alle anderen Dörfer hätten auch bloß Mauern mit einer Höhe von zehn Metern.
Diese Dörfer gibt es heute nicht mehr, das Dorf des Bürgermeisters von Fudai dagegen steht heute noch. Als im März 2011 der gewaltige Tsunami die nördlichen Küstenstriche Japans verwüstete und zigtausend Menschenleben forderte, hielt die Mauer von Fudai als einzige stand. Gerade ein paar Spritzer schlugen über die Mauer, kein einziger Dorfbewohner kam zu Schaden.
Der Bürgermeister selber erlebte diesen Tag nicht mehr, er verstarb im Jahre 1997.
Als er 1987 aus dem Amt schied sagte er: „Am Ende werden die Leute mich verstehen."
Ja, heute verstehen die Leute. Es gab zu wenige Wamuras in Japan.


